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Gehörlose können problemlos lesen, nein, sie MÜSSEN logischerweise lesen können, weil sie nichts hören können? In den Schulen lernen sie ganz selbstverständlich die deutsche Sprache in Schriftsprachform? Dabei unterrichten die Lehrer sie in der Sprache, die die Gehörlosen fließend beherrschen können, in der Gebärdensprache?

Von wegen!

Anja Schüßler fand 1997 heraus, dass hörende Kinder bei Schulbeginn durchschnittlich einen aktiven Wortschatz von ca. 3.800 Wörtern (passiv: 19.000) haben. Gleichaltrige gehörlose Kinder haben dagegen einen Wortschatz von aktiv 250 (passiv: 500) Wörtern (Anmerkung: Diese Kinder wurden oral erzogen und „ausgebildet“).

Durch den extrem geringen Umfang des Wortschatzes werden die Gehörlosen durch komplexe, lautsprachliche Sätze überfordert. Beispiel: So verstanden Gehörlose bei dem Satz „The boy who kissed the girl ran away“ („Der Junge, der das Mädchen küsste, rannte weg“), dass das Mädchen die wegrennende Person sei.

Oder „The boy was helped by the girl“ („Der Junge, der vom Mädchen geholfen wurde“) wurde als „The boy helped the girl“ („Der Junge half dem Mädchen“) gedeutet.

Wudtke fand in seiner Studie vom Jahre 1988 heraus, dass kaum mehr als 5% ein altersangemessenes Leseniveau erreichen, ca. 40% auf dem gleichen Lesestand von  hörenden Schülern der 2. oder 3. Klasse sind, aber mehr als 50% verlassen die Schule praktisch als Nicht-Leser.

Das war zwar 1988 – aber bis heute hat sich nicht viel daran geändert. In diesem Zusammenhang sagte mir ein Deutsch-Lehrer an einem Kolleg für Hörgeschädigte, in dem man u.a. das Abitur erwerben kann, dass es ihm in seiner ganzen Laufbahn an dieser Schule so erscheint, dass 95% der Gehörlosen noch nie freiwillig ein Buch in die Hände genommen hat (damit meinte er, dass diese Gehörlosen noch nie ein Buch vollständig durchgelesen haben … ). Viele von ihnen haben am Kolleg im Deutschunterricht die Noten „ausreichend“ bis „ungenügend“, obwohl es unter ihnen welche gibt, die in ihren Haupt-/Realschulen die Note „sehr gut“ oder „gut“ erhalten haben … eine Taube sagte mir mal, dass diese Noten in den Gehörlosenschulen „gewürfelt“ sind ….

Was ich damit sagen wollte, ist, dass extrem viele Gehörlose über keine ausreichenden Lesekompetenzen verfügen, um fließend lesen zu können.

Dafür können sie (zumeist – nicht alle!) die Gebärdensprache – eine Sprache, in der sie nicht behindert sind.

So lange das Bildungssystem bei dieser Zielgruppe versagt, (mindestens) so lange sollte es Gebärdensprachdolmetscher (und in diesem Zusammenhang Gebärdensprachavatare) geben, die ihnen die unzähligen, informativen schriftlichen Texte in ihre Sprache übersetzen!

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